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Möbelrunde Ostwestfalen-Lippe: Demograf. Wandel

„Uns geht nicht die Arbeit aus, uns gehen die Leute aus, die die Arbeit machen“, betonte Dr. Ursula von der Leyen am 19. Mai vor ca. 100 Branchenvertretern im Hettich-Forum im ostwestfälischen Kirchlengern. Benachteiligte Schichten, Ältere, Frauen und qualifizierte Zuwanderer könnten hier die Lücken füllen. Der engagierte Vortrag der Bundesministerin für Arbeit und Soziales bildete den Mittelpunkt der diesjährigen Möbelrunde Ostwestfalen-Lippe, veranstaltet von führenden Akteuren und Verbänden der Holz- und Möbelbranche. Die Fachvorträge und Diskussionen standen ganz im Zeichen des demografischen Wandels und den daraus resultierenden Herausforderungen für die Unternehmen.

Die Mentoren der 19. Möbelrunde, Dr. Reinhard Göhner (Berlin), Dr. Lucas Heumann (Herford), Dr. Andreas Hettich (Kirchlengern) sowie Steffen Kampeter und Frank Schäffler (beide MdB, Berlin) freuten sich über das große Interesse der Branchenvertreter an der diesjährigen Veranstaltung. Noch ist die Region Ostwestfalen-Lippe die beschäftigungsintensivste Möbelregion in ganz Europa, stellte Kampeter in seiner Auftaktrede fest. Doch die Bevölkerung wird hier innerhalb der nächsten zehn Jahre so deutlich schrumpfen, dass die Unternehmen bereits jetzt aktiv werden müssen, um auch in Zukunft im härteren Fachkräfte-Wettbewerb erfolgreich zu sein und mit genügend großen und ausreichend qualifizierten Belegschaften planen zu können – darin waren sich alle Experten vor Ort einig.


Längere Lebensarbeitszeit – an altersgerechten Arbeitsplätzen
An der Arbeit bis 67 geht nach Meinung der Ministerin kein Weg vorbei. Wenn es gelänge, die Erwerbsquote der über 55-Jährigen von derzeit 56 % auf 70 % zu erhöhen, stünden dadurch in 15 Jahren 1,2 Millionen mehr Arbeitskräfte am Markt zur Verfügung. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse der Staat „Fehlanreize“ wie Alters-Teilzeitmodelle beseitigen. Die Hauptaufgabe liege jedoch bei den Unternehmen selbst: altersgemischte Teams, Lernen im Alter in klugen Weiterbildungsprozessen, optimierte Produktionsabläufe mit Computer-gestützten Erleichterungen zur körperlichen Entlastung sowie firmeninterne Gesundheitsprogramme könnten nicht nur dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit der Älteren länger zu erhalten – deutsche Unternehmen könnten ebenso Exporteure dieses Wissens werden.


Problem der Nachwuchslücke und alternder Belegschaften
Neben Frau von der Leyen begrüßten die Veranstalter Prof. Dr. Ralf Ulrich von der Universität Bielefeld. Dr. Ulrich hat mit seinem Forschungsteam eine gemeinsam vom HDH und der IG Metall beauftragte Studie zum demografischen Wandel in der Holz- und Möbelindustrie erarbeitet. Der befürchtete Fachkräftemangel ist dabei ebenso ein Thema wie die weiteren zu erwartenden Konsequenzen für die Arbeitswelt. Laut Studie ist schon jetzt ein Überhang in der Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen zu verzeichnen, der in zehn Jahren zu einem deutlichen Zuwachs der um die 60-Jährigen in den Belegschaften führen wird. Die Aufgabe besteht also darin, die Älteren erfolgreich im Arbeitsprozess zu halten und gleichzeitig jüngere Facharbeiter zu rekrutieren.


Betriebliches Gesundheitsmanagement lohnt sich
Best-Practice-Beispiele aus Unternehmen zu erfolgreichem Gesundheitsmanagement rundeten den Themenkomplex der Tagung ab: In der Möbelproduktion ist die körperliche Belastung für die Belegschaft enorm hoch, doch hier können Unternehmen durch eigene Initiativen erhebliche Verbesserungen erreichen. Als Vertreterin des Gastgebers berichtete Inga Steinmeier über die Erfahrungen bei der Einrichtung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements in der Hettich-Gruppe, Kirchlengern. Dabei werden nicht nur gezielte Gesundheitskurse am Arbeitsplatz angeboten, auch kleine Hilfsmittel wie Hebebühnen, Stehhilfen, weiche Gummimatten oder bessere Arbeitsplatzbeleuchtung haben laut Steinmeier bereits spürbare Erleichterungen für die Beschäftigten gebracht. Grundsätzlich wichtig für den Erfolg sei von Anfang an ein fester Ansprechpartner für das Thema und ebenso die aktive Unterstützung und Teilnahme der Führungskräfte im Betrieb.

Ulrich Middel, Betriebsleiter der Karl W. Niemann GmbH & Co. KG, Preußisch Oldendorf, verwies darauf, dass gerade kleinere Unternehmen finanziell unterstützte Kooperationsprojekte mit den Krankenkassen realisieren können. Im Rahmen des gemeinsam mit der IKK durchgeführten Projekts „Gesundheit zahlt sich aus“, war es dem Betrieb gelungen, innerhalb eines Jahres den Krankenstand deutlich und teilweise unter Branchenniveau zu senken.

Thorsten Liecker, Personalleiter der Nolte Küchen GmbH & Co. KG, Löhne, berichtete abschließend über das Wiedereingliederungs-Management für Langzeitkranke, mit dem das Unternehmen seit 2009 speziell ältere Arbeitnehmer länger im Unternehmen halten möchte. Liecker benannte die Probleme wie Kosten für das Unternehmen, mangelnde interne Kooperationsbereitschaft oder lange Entscheidungswege durch die nötige Zusammenarbeit mit externen Stellen. Insgesamt fiel sein Fazit nach eineinhalb Jahren Laufzeit jedoch positiv aus. Als positive Aspekte der Initiative verwies er auf ein verbessertes Betriebsklima, eine höhere Motivation der Mitarbeiter, die Sicherung von Arbeitsplätzen und schließlich auch ein besseres Image für das Unternehmen.


Bundesweite Ausbildungsinitiative gefordert
Dr. Lucas Heumann, Hauptgeschäftsführer der Verbände der Holz- und Möbelindustrie e.V. in Herford, erteilte in seinem Schlussplädoyer der von den Gewerkschaften geforderten Altersteilzeit als „Instrument von gestern für die Probleme von vorgestern“ eine klare Absage: „Wir fordern keinen Vorruhestand, sondern im Gegenteil: Attraktive Arbeitsplätze für Ältere und flexible Instrumente zur Erreichung dieses Ziels, zum Beispiel durch gesetzliche Maßnahmen für eine neue Verbindung von Rente und Beschäftigung.“ Des Weiteren steht eine Ausbildungsinitiative als gemeinsame Aktion auf Bundesebene ganz oben auf seiner Prioritätenliste. „Dabei ist der entscheidende Faktor nicht die Frage nach der Höhe der Ausbildungsvergütung“, so Heumann. Vielmehr müsse man möglichst früh in den Schulen werben und die Attraktivität sowie die Aufstiegsmöglichkeiten kommunizieren. Auch in der Förderung des betrieblichen Gesundheitsschutzes sieht Heumann eine wichtige Stellschraube für die Zukunft. Die Modelle mit selbstfinanzierenden Maßnahmen gemeinsam mit den Krankenkassen für kleine und mittlere Betriebe seien bereits ein guter Ansatz. Die Verbände, versprach Heumann, würden sich für den Ausbau branchengeeigneter Modelle einsetzen. Heumann forderte die Teilnehmer aus der Möbelindustrie auf, diese wichtige Arbeit tatkräftig mit eigenen Initiativen und Ideen zu unterstützen. (Quelle: Verbände der Holz- und Möbelindustrie Westfalen-Lippe - 06/2011)

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