Indien: Papierproduzenten investieren in der Krise
Langfristig positive Entwicklung der Nachfrage erwartet
New Delhi (gtai) - Auch die vom Erfolg verwöhnte indische Papierindustrie bekommt die Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren. Die Nachfrage nach Papier- und Pappeerzeugnissen hat sich in den ersten Monaten 2009 leicht abgeschwächt. Die indischen Produzenten leiden nach einer Senkung der Einfuhrzölle zudem unter den wachsenden Importen aus Indonesien und der VR China.
Langfristig setzen die Hersteller jedoch auf Expansion und wollen in den nächsten Jahren ihre Kapazitäten ausbauen sowie Altanlagen modernisieren. Indiens Papier verarbeitende Industrie blickt trotz eines leichten Nachfragerückgangs optimistisch in die Zukunft. Laut einer Prognose der Indian Paper Manufacturers Association (IPMA) soll sich der Bedarf an Papier- und Pappeerzeugnissen bis 2015 von zuletzt knapp 8 Mio. auf 15 Mio. t und bis 2020 auf 20 Mio. t erhöhen.
Investitionsbedarf in Höhe von 2 Mrd. Euro
Einer Unternehmensbefragung durch die Fachzeitschrift "Paper Mart" zufolge werden die Papierhersteller bis 2012 ihre Kapazitäten um rund 3 Mio. t ausbauen. Den Investitionsbedarf hierfür schätzt IPMA auf insgesamt 130 Mrd. indische Rupien (iR; rund 2 Mrd. Euro; 1 Euro = 65,18 iR).
Für die nächsten Monate erwartet die Branche allerdings in bestimmten Sparten eine schwächere Nachfrage. Vor allem beim Zeitungspapier dürften die Zuwächse der letzten Jahre von 8 bis 10% schwer zu realisieren sein, da sich aufgrund des Anzeigenschwundes immer mehr Zeitungsverlage gezwungen sehen, den Umfang ihrer Publikationen zu reduzieren und regionale Ausgaben einzustellen.
Andere Produkte wie Kopierpapier oder gestrichenes Papier wachsen laut IPMA aber auch weiterhin mit Raten zwischen 15 und 20%. Der Branchenumsatz konnte nach Verbandsangaben in den letzten drei Jahren um 8% per annum auf zuletzt 250 Mrd. iR zulegen, und auch langfristig sind die Aussichten für die Papierindustrie rosig.
Indien liegt mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von Papier- und Pappeerzeugnissen von rund 9 kg weit unter dem internationalen Durchschnitt von 45 kg. Angesichts steigender Haushaltseinkommen, einer zunehmenden Alphabetisierung der Bevölkerung sowie höherer Bildungsausgaben der Regierung - Geld, das auch in den Erwerb neuer Schulbücher fließt - rechnet IPMA mit einem jährlichen Anstieg beim Papierverbrauch von durchschnittlich 10%.
Doch die Branche hat auch mit Problemen zu kämpfen. Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen dürfen die indischen Papierhersteller keine großen Anbauflächen für Primärfaserstoffe unterhalten. Aus Mangel an Papierholz greifen die Mühlen daher auf Agrarabfälle wie Bagasse zurück, die rund ein Drittel der verwendeten Rohstoffe in der Papier- und Pappeproduktion ausmachen.
Industrievertreter fordern schon seit Jahren eine Lockerung der Anbauvorschriften. Laut IPMA benötigen die Produzenten zusätzliche Flächen in einer Größenordnung von 1,2 bis 1,5 Mio. ha, um den wachsenden Bedarf an ihren Erzeugnissen befriedigen zu können.
Im Februar 2009 hatte die Regierung angedeutet, dass sie den Weg für die Kultivierung von Papierhölzern auf Brachland frei machen werde. Allerdings ist noch keine endgültige Entscheidung gefallen. Bis dahin müssen die Papierproduzenten weiterhin auf die Entwicklung von Plantagen im Ausland ausweichen.
Zudem wollen die Hersteller die Rückholquote von Altpapier erhöhen. Diese liegt in Indien bei gerade einmal 20%, während sie in den Industrieländern zwischen 50 und 80% beträgt. Allerdings ist das indische Recycling-Papier aufgrund seines hohen Anteils an Kurzfasern - bedingt durch den Bagasse-Einsatz - für eine mehrmalige Wiederverwertung ungeeignet.
Preisdruck durch Importe wächst
Neben der anhaltenden Rohstoffknappheit bereiten auch die wachsenden Billigimporte aus Indonesien und der VR China den Papierherstellern auf dem Subkontinent Kopfzerbrechen. Nach Brancheninformationen hat sich das monatliche Einfuhrvolumen von gestrichenem Papier in den ersten drei Monaten 2009 gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt auf 10.000 t verfünffacht.
Trotz eines Einfuhrzolls von 16% sind die ausländischen Erzeugnisse mit einem Preis von 45.000 iR pro t etwa 15% günstiger als einheimische Produkte. Nach der Abschaffung des Importzolls auf Zeitungspapier ist auch in diesem Segment die Konkurrenz für die indischen Hersteller gewachsen. Die Branche hat daher die Regierung um eine Wiedereinführung der Einfuhrabgaben gebeten.
Laut IPMA wird derzeit rund die Hälfte des Verbrauchs an Zeitungspapier in Höhe von 1,6 Mio. t über Importe gedeckt. Die Abschaffung der Einfuhrzölle war damals unter dem Anstieg des Weltmarktpreises um 55% auf 40.000 iR pro t beschlossen worden. Inzwischen ist dieser jedoch wieder auf 25.000 iR gesunken.
Positive Absatzimpulse erhoffen sich hingegen die Papiermaschinenanbieter von der Ankündigung der indischen Regierung, insgesamt 4,5 Mrd. iR an günstigen Krediten für die Modernisierung des Maschinenparks der Papierproduzenten bereitzustellen. Insgesamt sollen 310 Betriebe im Rahmen des "Technology Upgradation Fund", der in vergleichbarer Form auch schon für die Textilindustrie eingerichtet wurde, auf diese Gelder zurückgreifen können.
Die Unternehmen haben so die Möglichkeit, über zinsfreie Kredite veraltete Papierherstellungs- und -bearbeitungsmaschinen nachzurüsten. Ziel ist es, die Betriebskosten der Anlagen durch einen effizienteren Energie- und Wassereinsatz zu senken, damit die Hersteller ihre Erzeugnisse günstiger anbieten und so im Wettbewerb bestehen können. Ursprünglich hatte IPMA Fördermittel in Höhe von 6 Mrd. iR für die Branche gefordert.
Ob auch ausländische Anbieter von Maschinen hiervon profitieren können, bleibt allerdings abzuwarten. Denn trotz umfangreicher Investitionen durch die indischen Papierproduzenten sind die Einfuhren 2007/08 gegenüber der Vorperiode um knapp 5% auf rund 7 Mrd. iR gesunken.
Die Importe aus Deutschland halbierten sich im betrachteten Zeitraum sogar auf 1 Mrd. iR. Für das gerade abgelaufene Finanzjahr 2008/09 erwarten die Hersteller ein ähnlich schlechtes Ergebnis, hoffen aber, dass die Nachfrage nach Papiermaschinen ab 2010 wieder anzieht.
Einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen in der indischen Papierindustrie vermittelt die Branchenmesse "Paperex 2009" ( www.paperex.in), die vom 4.12. bis 7.12.09 in New Delhi stattfindet. Auf der letzten Messe im Jahr 2007 waren knapp 400 Aussteller aus 20 Ländern vertreten.
Die Zahl der Fachbesucher verzeichnete laut Veranstalter ein Plus von 15% auf 32.000 Gäste. Begleitet wird die wichtigste Papiermesse Indiens von einer mehrtägigen Konferenz. (Quelle: gtai - Germany Trade and Invest - Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH - Autor: Boris Alex)
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